Zu den Überraschungen und Entdeckungen der Genussblogs Awards 2007 gehörte mit Sicherheit das Blog Anonyme Köche. Anonymekoeche.net wird geschrieben von 3 Schweizer Autoren und gehört für mich zu spannendsten Blogs in der Genussblogs Szene. Claudio stand mir am vergangenen Freitag in einem Interview 2 Stunden Rede und Antwort.
Guest_4902 : Hi, Thomas, ich bin da.
TL : Alles klar, kurioser Name hast du dir da ja ausgesucht!!
Guest_4902 : Claudio? Den haben mir meine Eltern gegeben.
TL : Nein, ich meinte Guest_4902, Witzbold!!
Claudio Del Princi : Ach so! Hab ich übersehn. Warte, ich fummle mal dran rum …
TL : Startklar?
Claudio : Nee, stopp! So, jetzt sollte es richtig sein.
TL : Hoi Claudio, hast du es dir bequem gemacht? Ich denke du sitzt in der Küche und nebenher machst du die letzten Schenkeli und Fasnetsküchle schliesslich beginnt bei euch demnächst die Fasnacht!
Claudio : Ciao Thomas
Nicht ganz. Ich sitze mit einem Glas Rotwein – wie du hoffentlich auch – vor dem Laptop in meinem Büro. Und ich muss dich gleich nochmals enttäuschen: Die Fasnacht halte ich so weit wies geht fern von mir.
TL : Tatsächlich sitze ich da mit Kamillentee.
Keine Fasnacht? Schade die ist doch so aussergewöhnlich in der Schweiz.
Claudio, es ist richtig das Blog Anonyme Köche wird betrieben von 3 Blogautoren?
Claudio : Ja, Patrick und ich hatten die Idee, die Anonymen Köche als Blog aufzugleisen. Comenius war dann auch sofort Feuer und Flamme, als Co-Autor dabei zu sein.
TL : Für gewöhnlich haben deutschsprachige Foodblogs Namen wie “Kochen mit Fritz” oder “Ursulas Rezeptesammlung” . Wie kommt es dazu dass ihr euch “Anonyme Köche” nennt? Hat es mit dem “Kochwahn” zu tun von dem schreibst?
Claudio : Ich glaube schon, dass wir unser Umfeld mit unserem Gesülze oft zum Kochen bringen. Wir reden ständig übers Essen & Kochen. Als wir dann gemerkt haben, dass es die Leute um uns so langsam dicke hatten, sahen wir uns plötzlich wie Abhängige. Dann sprang irgendwie der Funke über und einer sagte: «Wir müssten nicht zu den Anonymen Alkoholikern, sondern zu den Anonymen Köchen!» Gesagt, getan.
TL : Wie wirkt es sich denn bei dir aus wenn du nicht kochen kannst, darfst oder sollst?
Claudio : Daran darf ich nicht einmal denken! Stell dir vor, letzten Sommer waren wir drei Wochen auf Sardinien, davon ein einziges Mal in einem Restaurant. Ich stand, glaub ich, mehr in der Küche als am Strand zu liegen: morgens, mittags, abends – einfach traumhaft (für andere wohl eher traumatisch).
TL : Also du fährst zum kochen in den Urlaub?
Claudio : Oder um mich in einem Hotel wie eine Mastgans stopfen zu lassen.
TL : Aber wäre dann nicht nahliegend gewesen einen Beruf auszuüben der mit Kochen zu tun hat? Als Trio könntet ihr ein Restaurant betreiben.
Claudio : Davon reden wir andauernd! Mir würde eine richtig gute Sandwich-Bar mit ausgefallenen, aber ehrlichen Sandwiches reichen. Oder ein kleines Restaurant, ähnlich wie die Slow-Food-Trattorie in Italien, wo jeden Tag nur ein Menü gekocht wird. Aber wir haben doch einen Höllenrespekt vor dem wirtschaftlichen Druck und von den abstrusen Arbeitszeiten. Meine Verbeugung vor allen Profiköchen da draussen: Ihr leistet einen Riesenjob! Ich könnt das glaub nicht.
TL : Bist du dann ein superkritischer Restaurantbesucher, oder kannst du ganz entspannt auswärts essen gehen?
Claudio : Ich bin schon heikel. Lieber verzichte ich auf ein Essen, als mich an einen x-beliebigen Tisch zu setzen. Wenn ich dann mal sitze, nerve ich vielmehr meine Begleiter mit meinen süffisanten Kommentaren. Dem Personal gegenüber bin ich ein sehr entspannter Gast. Ich hasse nichts mehr als Hobbykritiker, die das Personal lautstark piesacken. Das ist einfach stillos. Und ich versuche immer etwas zu lernen oder eine Rezeptidee mitzunehmen.
TL : Und wenn du nachts heimkommst haust du dir ein Lamm-Coquille in die Pfanne?
Hast du Spass daran ab und zu ganz alleine für dich zu kochen?
Claudio : Ab und zu, ja. Das brauchts schon. Eine Kalbsleber kann ich meiner Familie nicht auftischen. Die geniesse ich dann alleine. Ich hab aber auch schon mit Comenius nachts um zwei ein Dutzend Kalbsschnitzel auf 12 verschiedene Arten gebraten, um herauszufinden, welche Pfanne mit welchem Bratfett oder Öl den Geschmack beeinflusst. Aber ganz allgemein beschäftigt mich die Verarmung des Kochens. Viele allein stehende Menschen oder sogar Familien mit Kindern sind einfach so was von kochfaul. Da bin ich das pure Gegenteil.
TL : Ich fürchte ich gehöre zu den kochfaulen!
Euer Blog besticht neben dem Blogtitel auf den nächsten Blick durch einen ganz besonderen Header. Ein Mann mit riesiger Mütze auf blauem gekacheltem Hintergrund.
Ein echter Hingucker. Habt ihr das selber gestaltet?
Claudio : Ich hoffe, das lesen unseres Blogs animiert dich, mehr zu kochen!
«Das Leben macht Spass mit Demiglace», ursprünglich war das ein Sticker, den Patrick (er ist Illustrator) für ein Kunstprojekt von Comenius und mir gestaltet hat. Er entspringt einer Serie von Nonsensphrasen, die von verschiedenen Graphic Designern als Sticker umgesetzt wurden. Ich finde, er passt gut zum rough style unseres Blogs.
TL : Es passt perfekt!
Und wie ist der Text auf der Kochmütze zu verstehen?
Macht das Leben wirklich mehr Spass mit Demi Glace als mit normalem Glace?
TL : Glace ist doch ein Eis, wenn ich mich recht an meine Schweizer Wurzeln erinnere?
Claudio : Demiglace ist eine Sauce aus reduziertem Fond mit Rotwein, eine braune Kraftsauce aus ausgekochten Knochen und Gemüse. Nach der Lektüre von Anthony Bourdins rotzigen Kochbüchern, in denen er davon schwärmt, waren wir total elektrisiert und seitdem produzieren wir hektoliterweise von diesem klebrigen Himmelszeug.
TL : Aaaah, siehst du, es ist doch Sinnstiftend wenn man eine Fremdsprache kann. Ich überlege die ganz Zeit was wollen die mit einem Eis …
Zurück zu den Schnitzeln, welche Kombination war denn nun die beste oder dürfen wir darüber mal im Blog lesen?
Claudio : Moment, wie jetzt Schweizer Wurzeln?
TL : Na ja, Vater Deutsch, Mutter Schweizerin, Geschwister in der Schweiz geboren, dann umgezogen nach Deutschland, dort bin ich geboren und somit im Gegensatz zu meinen Geschwistern Deutscher 
Also, ein bischen Schweizer Blut rauscht auch durch meinen Körper. Aber bei uns wurde natürlich nach Schweizer Art gekocht und eingekauft, mindestens einmal im Monat gings über die Grenze …
… und Schweizerdeutsch versteh ich somit ganz gut.
Ausser dem Glace …
Claudio : Ja, diesen Test müssen wir mal wiederholen und dann auf dem Blog posten. Ich glaube, am Schluss waren wir zu müde und zu betrunken, um ein valables Fazit zu ziehen.
Claudio : Gretchenfrage: Wem drückst du die EM-Daumen, Deutschland oder der Schweiz?
TL : Den Deutschen und dann den Schweizern. Ich hab sie furchtbar gern, aber bei der WM waren sie wirklich enttäuschend.
TL : Hast du eine Idee warum wir im Deutschen es nicht schaffen gescheite Rösti zu machen? Ganz zu schweigen von einem ordentlichen Sugo wie von dir im Blog beschrieben? Warum gibt es in Deutschland keine Schockistängeli?
Claudio : Uff, jetzt hast du mich in der Zange! Sagen wirs so: Alles braucht seine Zeit. Und heute ist sie reifer denn je. Mit all den Tsunamis an Kochbüchern die den Markt überschwemmen, Kochsendungen und nicht zuletzt den boomenden Foodblogs wird sich am Deutschen Herd (wie auch anderswo) sicher nachhaltig was verändern. Aber ich finde auch, man sollte nicht nur in die Ferne schweifen. Warum nicht wieder deutsche Küchenklassiker à fond lernen und ehrlich und authentisch zubereiten?
Zum Fussball: Ich möchte nicht näher auf die (leider zu oft an den Tag gelegte) Unfähigkeit der Schweizer eingehen, über sich selbst hinauszuwachsen!
TL : hast du noch ein paar Minuten?
Comenius hat sich ja Gedanken darüber gemacht wie, oder zu was man eine Plazenta verarbeitet.
Ich frage mich wie weit kann man gehen wenn es um den Geschmack geht? Denken wir doch nur an das Pferdefleisch, in Deutschland nahezu komplett vom Teller verbannt, in der Schweiz immer noch zu haben. Unter dem Gesichtspunkt des Geschmacks müßte man vermutlich auch Ratten essen, aber unsere Kultur verbietet es! Wäre es für dich denkbar aus diesem Kulturkreis auszubrechen und z.B. Insekten zu essen?
Claudio : Ich hab noch Zeit ja, ich geniesse unser Gespräch in vollen Zügen.
Und by the way, Chapeau! dass du dir die Zeit nimmst. Ich finde du und Theo macht einen grossartigen Job. Ihr habt einiges Bewegt unter den Foodbloggern – Netzwerken vom Feinsten!
Zum Kulturschock: Ein sehr weitläufiges Thema. Ich finde, man sollte grundsätzlich das imperialistische Gedankengut ablegen, dass nur das was wir essen “richtig” ist. Auf der anderen Seite müssen wir lernen, dem was wir essen, allem voran Tiere, mit mehr Respekt gegenüber zu treten.
TL : Jetzt muß doch mal nachfragen, bist du der Slow Food Bewegung verbunden?
Claudio : Ich kann das unterschreiben, ja. Aber ich bin nicht Mitglied. Jeder kann für sich selbst auf Slow Food umschalten, wenn er seinen Kopf einschaltet. Gedankenlos in die Tiefkühltruhe greifen ist schon ziemlich abgestumpft. Ich versuche halt wach zu sein, mich zu informieren und saisongerecht und regional einzukaufen (was leichter gesagt als getan ist, ich will hier nicht angeben.)
TL : Du bist so verrückt nach guten Essen, das du sogar einen Tag lang bei einem Pizzabäcker gearbeitet hast um von ihm zu lernen.
Hat es denn geklappt? Ist deine private Pizza so gut wie die von Cesidio?
Claudio : No way! An die von Cesidio komm ich im Leben nicht heran. Aber weisst du was, das ist auch gut so. Ich liebe Dinge, die nicht jederzeit verfügbar sind und deren Geheimnisse nicht restlos gelüftet werden. Das macht sie ja gerade so kostbar, oder nicht?
TL : Stimmt, genau darin liegt die Faszination des Genusses!
TL : Euer Blog hat teilgenommen bei den Genussblogs Awards 2007, und wurde von der Jury nominiert. Eine große Auszeichnung wie ich meine. Gab es bei euch diesbezüglich irgendwelche Reaktionen? Mehr Besucher oder Kommentare zum Beispiel?
Claudio : Die Nominierung hat uns extrem gefreut, ihr habt da wirklich eine Rakete gezündet! Allerdings sind wir ja erst zwei Wochen vor den Awards online gegangen. Ich kenne also keine Vor-den-Genussblogs-Awards-Zeit. Sehr erstaunt bin ich über die grosse Leserschaft und die Kommentare aus Deutschland. Wo sich wohl all die Schweizer verstecken? Dass ihr jetzt den Newsticker eingeführt habt und die Interviews bietet, wird sicher zu noch mehr Traffic führen – ihr macht das spitze!
TL : Danke für die Blumen. Wir tun unser Bestes.
Die Schweiz ist halt klein und hat darum weniger Blogger, die kommen aber noch, ganz bestimmt. Zudem es gibt ja wirklich tolle Blogs in der Eidgenossenschaft
Zurück zu den Awards:
Ihr habt als ganz junges Blog mit damals recht wenigen Beiträgen viele renomierte Foodblogs hinter euch gelassen. Was denkst du denn, was die Jury an eurem Blog so fasziniert hat?
Claudio : Tja, das kann wohl nur die Jury beantworten. Ich finde auch, dass es grossartige Foodlblogs gibt und alle, die mit Hingabe, grossartigen Storys, Rezepten und Bildern aufwarten, hätten eine Nominierung verdient. Wir bei den AK versuchen einfach so rüber zu kommen, wie wir sind. Ohne Berechnung, ohne Ziele oder Zielpublikum zu definieren. Wir wollen Spass haben bei dem was wir tun und die Leute, die uns lesen sollen das auch haben. Deshalb achten wir einfach darauf, authentisch und ungekünstelt zu sein. Wenn sich dann noch eine gute Story ergibt und ein paar nette Bilder: Bingo!
TL : Authentisch ist wohl das Stichwort, das gelingt euch fantastisch.
Vorletzte Frage:
Welches Land würdest du gerne einmal für mehrere Monate bereisen um die Küche kennen zu lernen? Italien gilt nicht! Was würde dich reizen?
Claudio : Ohne eine Sekunde zu zögern: Japan!
TL : Echt? Warum? Der Fisch?
Claudio : Alles. Die spinnen, die Japaner. Kennst du grössere Zeremonienmeister in der Küche? Die Franzosen vielleicht? Ha! Das hätten sie wohl gerne! Die Einfacheit, die Reinheit, diese Askese und totale Beschwörung von Frische und Qualität – einzigartig. Nur mit den Haifischflossen, dem Walfang und so könnten sie mal aufhören. Aber pscht! Jetzt denkt vielleicht wieder der imperialistische Kleingeist in mir.
TL : Dann bin ich gespannt, wie ich dich einschätze wirst du das ja dann auch irgendwann angehen. Das wird ein Inferno an Text und Bildern bei den Anonymen Köchen!!!
Jetzt hast du mich richtig neugierig gemacht wie du die letzte Frage beantworten wirst.
Wen würdest du gerne einmal hier im Interview lesen?
Claudio : Da brauch ich auch nicht gross zu zögern: Mike Seeger vom olivenoelkontor. de
Er ist ein richtiger Cowboy, ein passionierter Olivenölapostel und tiefschwarzer Humorist. Ich kenne ihn nur durch seine treffenden Kommentare bei uns und natürlich von den Beiträgen auf seinem Blog. Ich würde gerne mehr über ihn erfahren.
TL : Wunderbar, das wird interessant!!
Also Claudio, ich danke dir ganz herzlich das du dir Zeit genommen hast, es hat ja doch wieder über 2 Stunden gedauert und ich könnte gerade nochmal soviel dranhängen.
Mir hat es richtig Spass gemacht.
Grüß mir die anderen beiden Blogger!!
Tschau Claudio
Claudio : Gerne. Ich danke dir auch für deine Zeit. War mir ein grosses Vergnügen. Und nochmal: Thumbs up für eure Seite!
Gute Nacht, ihr beiden.